
Stell dir vor, du sitzt in einem Flugzeug. Du steuerst das Flugzeug. Solange das Wetter ruhig ist, erledigt der Autopilot die Arbeit. Du lehnst dich zurück, alles läuft nach Plan.
Doch plötzlich blinkt das Cockpit rot. Turbulenzen. Ein Alarmton. Der Autopilot schaltet sich ab.
DU musst manuell fliegen.
Was tust du? Wenn du die Anzeigen nicht lesen kannst, ziehst du reflexartig vielleicht am Steuerknüppel oder drückst Knöpfe. Du reagierst automatisch und impulsiv. Um im Bild zu bleiben, du reagierst "blind".
Genau das passiert uns gern mal bei Konflikten im Büro. Solange alles glatt läuft, sind wir entspannt. Doch sobald Kritik geäußert wird oder ein Projekt wackelt, reagieren wir. Das Problem: Wir sehen rot, geraten in Stress und reagieren reflexartig. Die Reaktion ist leider oft anders, als wir es eigentlich wollen.
Im weiteren Text schauen wir uns das einmal an. Wie wir mit Hilfe der Neurowissenschaft (emotionalen Granularität) vom Bildflug in den Piloten-Modus wechseln können.
Unser Gehirn liebt Routine. Es ist wie ein energiesparender Buchhalter. Solange es Situationen kennt, spult es alte Programme ab. Der innere Autopilot ist aktiv. Das kostet kaum Energie.
Doch im Konflikt funktioniert diese Routine nicht mehr. Dein Gehirn schlägt Alarm. Wenn wir nicht gelernt haben, unsere Gefühle präzise wahrzunehmen, schaltet das Gehirn in einen impulsiven Notfallmodus.
Wir verfallen oft in den Notfallmodus, weil er biologisch schneller ist. Aber im Business-Kontext ist dieser schnelle Reflex häufig der Grund für Bruchlandungen.
Sarah sitzt im wöchentlichen Team-Meeting. Alles läuft ruhig, also Routine. Sie präsentiert ihre Zahlen. Dann fällt ihr Kollege Bernd ihr ins Wort: „Ja, aber hast du bedacht, dass der Kunde das Budget gekürzt hat?"
In Sarahs innerem Cockpit geht die rote Warnleuchte an. Die Routine ist vorbei. Ihr System meldet pauschal: „Wut".
Wenn Sarah jetzt nicht geübt ist, übernimmt ihr Notfall-Programm. Sie reagiert blind. Sie schnauzt zurück: „Bernd, lass mich doch endlich mal ausreden. Du hörst mir nie zu." Die Stimmung im Raum kippt. Niemand redet mehr über die Zahlen.
Aber Sarah ist eine trainierte Pilotin. Sie spürt den Alarm, aber statt wild am Steuer zu reißen, drückt sie die geistige Pause-Taste.
Sie weiß: Gefühle sind die Instrumente im Cockpit. Sie sind Botschafter ihrer Bedürfnisse. Aber das Instrument „Wut" ist viel zu ungenau. Das ist, als würde im Cockpit nur „Fehler" blinken. Damit kann man kein Flugzeug sicher landen.
Die Neurowissenschaftlerin Lisa Feldman Barrett nennt diese Fähigkeit, die Anzeige genauer zu lesen, Emotionale Granularität.
Sarah schaut also genau auf ihr Armaturenbrett:
Sie erkennt: Es ist gar keine Wut auf Bernd. Es ist Ungeduld. Sie hat gleich den nächsten Termin und möchte das Thema effizient abschließen.
Dieser kleine Unterschied verändert alles. Solange Sarah nur „Wut" spürt, suggeriert ihr Notfall-Hirn eine Lösung: Angriff. Aber „Ungeduld"? Dafür gibt es andere, konstruktive Lösungen.
Sarah hat nun die Wahlfreiheit. Sie ist nicht mehr Opfer ihres Impulses, sondern Gestalterin der Situation. Sie atmet aus und sagt ruhig:
„Bernd, ich merke, ich werde gerade ungeduldig, weil ich bis 11 Uhr mit dem Bericht durch sein möchte. Kannst du dir den Punkt notieren und wir klären das am Ende?"
Kein Angriff. Eine klare Ansage basierend auf ihrem Bedürfnis – Effizienz. Das Flugzeug bleibt stabil in der Luft.
Möchtest du lernen, die Anzeigen zu lesen, statt blind zu reagieren? Diese Übung trainiert deine emotionale Granularität. Sie dauert weniger als zwei Minuten.
Je präziser du das Gefühl benennst, desto klarer siehst du, was du wirklich brauchst. Wer die Anzeigen im Cockpit lesen kann, fliegt jede Maschine sicher. Egal wie stürmisch es gerade zugeht.