In Paralleluniversum Nr. 12 hat Ulrike drei Bücher geschrieben

In Paralleluniversum Nr. 12 hat Ulrike Kerkmann drei Bücher geschrieben. Eins über Gewaltfreie Kommunikation in Teams, eins über emotionale Selbststeuerung und eins, das überraschend gut in der Kategorie „Humor" gelandet ist. Sie hat einen Blog mit 200 Artikeln, einen preisgekrönten Garten und hält Vorträge vor ausverkauften Sälen.

In diesem Universum sitzt Ulrike vor einem leeren Blatt und fragt sich, ob der erste Satz gut genug ist.

Die Stimme im Kopf, die alle anderen kennt

Ich habe einen Perfektionisten in mir. Er ist nicht laut. Er kommt leise. Meistens tarnt er sich als Qualitätsbewusstsein. Er flüstert Sätze wie: Das haben andere schon gesagt. Klüger, eloquenter, mit besseren Quellen. Warum sollte ausgerechnet ich dazu noch etwas schreiben?

Und dann passiert etwas Merkwürdiges: Der Gedanke, der gerade noch lebendig war, der Energie hatte, der raus wollte, verliert seine Farbe. Nicht weil er nicht gut genug war. Sondern weil ich ihn nicht auf Papier gelassen habe. Er schwirrt noch eine Weile in meinem Kopf herum, wie ein Vogel, der gegen die Scheibe fliegt. Irgendwann wird er still. Und dann vergesse ich ihn.

Er landet nicht mal in einer Schublade. Die Schublade ist leer. Alles bleibt im Kopf, bis es sich auflöst.

In Paralleluniversum Nr. 47 hat Ulrike diesen Absatz in drei Minuten geschrieben. Ohne ihn einmal zu löschen.

Das leere Blatt gewinnt immer

Ich bin Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation. Beruflich rede ich über Klarheit, Selbst-Bewusstheit, darüber, sich zu zeigen. Und gleichzeitig kenne ich diesen Moment, in dem die Tusche angemischt ist, der Pinsel bereit liegt, das Papier wartet, und ich den Strich nicht mache. Weil er dann da wäre. Unkorrigierbar. Sichtbar. Angreifbar.

Der Perfektionist will nicht, dass es gut wird. Er will, dass es unangreifbar wird. Und das ist etwas ganz anderes.

Solange das Blatt leer bleibt, kann niemand sagen: Das ist nicht gut genug. Aber solange das Blatt leer bleibt, kann auch niemand sagen: Das hat mich berührt. Das kenne ich. Da bin ich nicht allein.

Das leere Blatt ist der sicherste Ort der Welt. Und genau deshalb ist es eine Sackgasse.

Ein Satz, der sich eingebrannt hat

Letzte Woche, in einer Trainer-Supervision, sagte meine Supervisorin einen Satz, der bei mir hängen geblieben ist:

„Die Welt hat keine Zeit, darauf zu warten, dass Du perfekt wirst."

Ich saß da und merkte, wie etwas in mir gleichzeitig nickte und sich sträubte. Ja, genau! Das ist es. Und gleichzeitig: Die leise Stimme, die in mir nachhallt.

Dann fiel mir ein Satz von Marshall Rosenberg ein, den ich seit Jahren kenne und der jetzt plötzlich anders klang:

„Alles, was es wert ist, getan zu werden, ist es wert, unperfekt getan zu werden."

Ich kenne diesen Satz. Ich habe ihn in Trainings zitiert. Ich habe ihn anderen Menschen ans Herz gelegt. Und ich habe ihn auf mein eigenes Schreiben offenbar nicht angewendet.

In Paralleluniversum Nr. 3 hat Ulrike dieses Zitat sofort in einen Artikel verwandelt. Noch am selben Abend. Mit Tippfehlern.

Der erste Strich

Wer mit Tusche arbeitet, weiß: Es gibt kein Rückgängig. Kein Strg+Z. Der Strich ist da, sobald der Pinsel das Papier berührt. Er ist vielleicht nicht gerade. Vielleicht zu dick an einer Stelle. Vielleicht nicht das, was ich im Kopf hatte.

Aber er ist da. Und er ist lebendig. Gerade weil er nicht korrigiert wurde.

Ich finde, das ist ein gutes Bild für das, was passiert, wenn wir unsere Gedanken, unsere Ideen, unsere Stimme tatsächlich nach außen lassen. Der erste Strich ist nie perfekt. Aber er macht aus einer leeren Fläche einen Anfang. Und aus einem Anfang kann etwas wachsen.

Aus einem leeren Blatt wächst nichts.

Mein Perfektionist hat recht. Und er hat einen Preis.

Ich will meinen Perfektionisten nicht loswerden. Er schützt etwas, das mir wichtig ist: Qualität. Sorgfalt. Vielleicht auch Anerkennung. Den Wunsch, ernst genommen zu werden. Das sind echte Bedürfnisse. Sie dürfen da sein.

Und gleichzeitig kostet es mich etwas, wenn er allein entscheidet. Was auf der Strecke bleibt: Kreativität. Lebendigkeit. Wirksamkeit. Der Moment, in dem jemand liest, was ich geschrieben habe, und denkt: Das kenne ich. Da bin ich nicht allein.

Beides ist wahr. Gleichzeitig. Mein Perfektionist sorgt für das eine Bedürfnis und übersieht das andere. Nicht aus böser Absicht. Sondern weil er nur eine Seite sieht.

Sich verletzlich zu zeigen ist für mich keine Schwäche. Als GFK-Trainerin ist es die Haltung, die ich in Trainings vertrete, in die Praxis bringe. Nicht nur anderen sagen, dass sie sich zeigen dürfen. Sondern es selbst tun. Auch wenn die Stimme im Kopf sagt: Die anderen machen das besser.

Dieser Text, dieses Universum

Ich will ehrlich sein: Dieser Text ist nicht perfekt. Er hat nicht drei Überarbeitungsrunden hinter sich. Das Bild, das ich mir dazu vorgestellt habe, ist ein Versuch. Mein Perfektionist hat Einwände.

Und trotzdem ist er jetzt hier. In diesem Universum, nicht in einem von tausend möglichen. Der Pinsel hat das Papier berührt. Der Strich ist da.

Vielleicht hast du auch so eine Parallel-Version von dir. Eine, die das Buch geschrieben hätte. Das Bild gemalt hätte. Das Gespräch geführt hätte. Den anderen Weg gewählt hätte. Und vielleicht liest du das hier und merkst: Da liegt etwas in meinem Kopf, das raus will. Nicht weil die Welt es braucht. Sondern weil es verdient, mehr zu sein als ein Gedanke, der sich irgendwann auflöst.

Der erste Strich muss nicht schön sein. Er muss nur da sein.

In Paralleluniversum Nr. 1 ist dieser Artikel zehn Seiten lang und hat ein Literaturverzeichnis. In diesem Universum hat er ein Augenzwinkern. Ich finde: Das reicht.